In letzter Zeit häufen sich Attacken auf Menschen, die eine Kippa tragen und damit als Juden öffentlich erkennbar sind. Besitzer von jüdischen Lokalen und als Juden bekannte Schülerinnen und Schüler werden beschimpft, angespuckt und geschlagen. Wohin der Hass führen kann, war vor vier Wochen in Halle zu erleben, als jemand versucht hat, die Tür der Synagoge aufzusprengen und die ganze gottesdienstliche Gemeinde zu ermorden. Jüdische Einrichtungen in Deutschland stehen rund um die Uhr unter Polizeischutz. Ich habe der kleinen jüdischen Gemeinde in Jena nach dem Anschlag versichert, dass wir als christliche Kirche dieser Stadt tief und unzertrennlich mit ihr verbunden sind. Wer das Judentum angreift, greift auch die Christen an. Wer Jüdinnen und Juden ihr Wohn- und Lebensrecht in diesem Land verweigert, verachtet unsere Demokratie. Ich schäme mich dafür, dass etwas so Selbstverständliches in Deutschland wieder ausdrücklich gesagt werden muss.

Wir müssen unsere Anstrengungen gegen den Antisemitismus deutlich verstärken. Als Christenmenschen haben wir dazu zuerst im eigenen Hause aufzuräumen. Wer den ersten Teil der Bibel, das Alte Testament, für einen erledigten, fremden Text erklärt, entfremdet sich auch vom Christentum. Nein, wir müssen in der Kirche noch viel mehr betonen, dass das Judentum gar nichts Fremdes hat, sondern das von Gott erwählte Volk ist, aus dem unser Herr und Heiland Jesus Christus stammt.

Durch die Ereignisse von Halle ist hoffentlich nun noch mehr Menschen deutlich geworden, was man schon hätte seit Jahren sehen können: Christen gehören an die Seite ihrer jüdischen Geschwister. Zivilcourage gegen Antisemitismus und Menschenhass jeglicher Art ist von der ganzen Bürgerschaft gefordert. Nicht wegschauen, sondern Verantwortung übernehmen. Dazu mahnt am Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 in Jena der „Klang der Stolpersteine“. Und die Stadt gedenkt der Jenaer Jüdinnen und Juden, die damals ausgegrenzt und diffamiert und dann in die Vernichtungslager deportiert wurden. Stehen wir mit aller Kraft und mit allen rechtlichen Mitteln dafür ein, dass die heute mit uns Lebenden so frei und unbeschwert leben können wie es in unserem Grundgesetz verbrieft ist und sich eine jede und ein jeder für sich selbst wünscht.

Sebastian Neuß, Superintendent