Spritualität. Ein alter Begriff. Taucht manchmal gemeinsam auf mit dem Begriff Achtsamkeit oder englisch als spiritual care. Die letzten drei Jahre habe ich mich in ganz besonderer Weise mit Spiritualität auseinandergesetzt. Sie denken jetzt vielleicht: wovon redet sie – sie ist doch Pastorin??? Ja, bin ich. Und zwar von ganzem Herzen! Fand es trotzdem eine gute Idee meine eigenen spirituellen Wurzeln noch einmal genauer zu erkunden. Dabei stieß ich auf etwas, was „spiritual bypassing“ genannt wird. Übersetzt: spirituelle Vermeidung. So nennt man es, wenn Menschen über Mechanismen des Glaubens vermeiden, sich mit unliebsamen Themen zu konfrontieren. Inzwischen habe ich Einiges darüber gelesen. Der Psychologe John Welwood hat den Begriff geprägt. Er beschreibt damit, dass Menschen lieber gegen Ungerechtigkeit beten, als ungerechte Strukturen zu bekämpfen; lieber über geschehenes Unglück meditieren, als sich damit auseinanderzusetzen.

Das macht mich nachdenklich. Als Psychologe sieht er da vermutlich einen Widerspruch und spürt genau auf, was auch die Wunden meines Lebens sind. Gerade weil ich ja trotzdem immer finde: beten, meditieren, schweigen, singen, Gottesdienste feiern – all das sind coping-Mechanismen, Bewältigungsmechanismen, die Dich tragen lassen, was Du trägst. Sie wirken produktiv, wenn ich das nicht nur rein kognitiv betrachte. Sie stärken und bauen vielleicht Deine Resilienzen so auf, dass Du den Alltag und all die Themen, die in Dein Leben fallen, bewältigen kannst. Du kannst jahrelang für einen Menschen, der Deinem Leben nicht gut tut, Kerzen anzünden in der Kirche. Und irgendwann kommt der Tag, da bist Du bereit, der Realität entgegen zu treten. Gut, dass Du jahrelang Kerzen angezündet hast. Sonst wärest Du vielleicht nie an diesen Punkt gekommen. Du kannst lange ein Trauma in Gebet nehmen, irgendwann nimmst Du es vielleicht mit zu einem Therapeuten / einer Therapeutin. You know, when you know.

Und ich finde tatsächlich nicht, dass spirituelle Praktiken Vermeidungshaltungen sind. Oder vielleicht sind sie es so lange, bis Du die Kraft gesammelt hast für eine Auseinandersetzung. Auch Vermeidung hat ihre Berechtigung. In jedem Fall: Es gibt immer mehr über Dich zu sagen, als Du sagen kannst. Also: Don´t stop believing / hör nicht einfach auf zu glauben!

Pastorin Anne Brisgen — Schulpfarrerin im Kirchenkreis Jena —