
Ein Herz und eine Seele - wir kennen diese Redewendung z.B. als Bezeichnung für Familienharmonie und guten Zusammenhalt. Manche erinnern sich auch noch an die gleichnamige Fernsehserie Anfang der 70er Jahre. In ihnen wurde der Generationenkonflikt der 68er innerhalb einer Familie ausgetragen. Die Familie ist nicht unbedingt der geborene Ort, wo man „ein Herz und eine Seele ist“. Man ist zwar ein Fleisch und Blut, aber die Seelen und die geistigen Ansichten können da sehr weit auseinander gehen. Die Redewendung hat ihren Ursprung in der Bibel und da geht es um den Geist Gottes, der seit Pfingsten Menschen im Glauben verbindet. Martin Luthers Übersetzung dieser Stelle hat schnell Eingang in die Umgangssprache gefunden und über diesen Text, Apostelgeschichte 4, 32, wird am Sonntag in den evangelischen Kirchen gepredigt. Hier geht es nicht um Familie, sondern um die erste Kirchengemeinde der Welt, die Urgemeinde in Jerusalem kurz nach Pfingsten. Und dennoch wird die Gemeinde aus mehreren Tausend Mitgliedern als eine große Familie beschrieben, die ein Herz und eine Seele sei. Das außergewöhnliche daran ist: sie war zusammengesetzt aus Menschen unterschiedlichster Völkerstämme des römischen Reiches: Italiener, Griechen, Araber, Perser, Afrikaner, Juden und viele mehr. Und sie bestand aus den unterschiedlichsten Klassen und Schichten der damaligen Gesellschaft von Sklaven bis hin zu Regierungsangehörigen. „Ein Herz und eine Seele“, denn man praktizierte Gütergemeinschaft. Vermögende verkauften Häuser und Äcker und das Geld wurde an Bedürftige verteilt. Wenn man in diesem biblischen Bericht weiterblättert, findet man Stellen, wo deutlich wird, dass dieses gelebte Ideal auch bald schon an Grenzen stieß. Aber diese Grenzen waren nicht das Ende, sondern Orte der Neuorientierung und Weiterentwicklung. Letztlich wurde das Modell an hunderte Orte im ganzen Reich verbreitet, wo allerdings der Sozialausgleich unterschiedlich praktiziert wurde. Dieses Modell von Jerusalem lebt über Jahrtausende auf der ganzen Welt verbreitet weiter. Immer wieder entstehen Keimzellen von Kirche, die sich von diesem Text inspirieren lassen, um Gemeinschaft zu leben, die anders ist. Die damalige Jerusalemer Vision vom Urkommunismus ist wie ein Same, der sich bis heute fortpflanzt. Viele solcher christlichen Gemeinschaften habe ich kennengelernt. Manche sind bis heute sehr dynamisch und faszinierend, andere eher abschreckend. Das Geheimnis liegt im Geheimnis von damals, der Frage: welcher Geist herrscht hier? Pfingsten hatte seinen Ursprung im Geschenk des Geistes vom Himmel, der unterschiedliche Menschen im Glauben an den dreieinigen Gott innerlich verbunden hat und bewegte, im Geiste von Jesus Christus zu leben. Wo Menschen sich innerlich in diesem Geiste vereinen, können sie immer wieder ein Herz und eine Seele werden. Die Frage der Einheit von Familien, Gemeinschaften und Gesellschaften ist letztlich die Frage: wes Geistes Kind sind wir? Pfingsten geht weiter und fragt uns: Welcher Geist leitet uns? Ist es der Geist Gottes oder sind es die Kleingeister, die in der damaligen Familienserie aufeinanderprallten oder die unter uns tagtäglich aufeinanderprallen? Machen wir uns nichts vor! Wir können es nicht richten. Wir können uns aber ausrichten auf einen Gott und seinen Geist, der uns untereinander verbindet wie ein Herz und eine Seele.
Pfr. Dr. Christoph Rymatzki
Ev.-luther. Kirchengemeinde Jena – Wenigenjena