Wo liegt der Maßstab des Vergleichens?

Nicht nur derzeit bei der Leichtathletik WM geht es um weiter, höher und schneller. Auch in unserer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft zählt, wer erfolgreicher und schneller im Leben vorankommt. Und diesen Erfolg muss man irgendwie messen. Meist durch Vergleich mit Menschen in meiner Umgebung. Unabhängig vom Zustand der Gesellschaft, ob die soziale Schere sehr weit auseinander geht oder nicht: der Mensch vergleicht sich. Und das hat er auch schon immer getan. An diesem Sonntag steht uns dafür eine Geschichte vor Augen, die Jesus für die Menschen vor 2.000 Jahren im Vorderen Orient erzählt hat (Lukas 18, 9-14): Zwei Männer gehen in den Tempel, um zu beten. Ein Volksverräter und Finanzbetrüger stellt sich ganz hinten in eine unscheinbare Ecke des Gotteshauses, blickt zu Boden und seufzt betreten mit Reue: „Gott sei mir Sünder gnädig!“ Ein erfolgreicher, angesehener Mann stellt sich dagegen für alle sichtbar ganz vorn hin und betet: „Ich danke dir Gott, dass ich nicht so bin wie die anderen Leute: Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Lump da hinten! Denn ich faste, bete und spende regelmäßig.“ Wettbewerbsgesellschaft hier einmal religiös eingefärbt. Leistungsdenken auch in der Kirche. Aber worum geht es eigentlich bei diesen Wettbewerben? Im Sport freut man sich über den Sieg, kennt aber auch eine Fairness, die dem Sieger gratuliert und weiß: es ist ein Spiel. Im Leben dagegen geht es um Rechtfertigung, um mein Image, um meine soziale Stellung im gesellschaftlichen Gefüge: Wer bin ich? Was bin ich? Jesus zieht am Ende das Resümee, ob ein Mensch vor einer unabhängigen Instanz, vor Gott, gerechtfertigt und anerkannt ist oder nicht: der Sünder, der den Fehler seines Lebens einsieht und umkehrt, ist vor Gott gerechtfertigt. Wer sich selbst aber für gerecht und erfolgreich hält und das überheblich zur Schau trägt, wird von Gott abgelehnt. Eine Geschichte zum Nachdenken. Gibt es in unserer Gesellschaft noch das Wissen um eine unabhängige Instanz, die im Herzen und Gewissen aller verankert ist? Gibt es noch die Betrüger und Volksverräter, die sich reumütig an die Brust schlagen und bekennen, dass sie einen Fehler gemacht haben? Wird der überhebliche Erfolgsmensch noch als selbstgerecht gebrandmarkt oder ist er inzwischen zum Idol für viele geworden. Jesus erzählte seine Geschichten als Reich-Gottes-Geschichten, um Maßstäbe aus einer anderen Welt in unsere Welt zu tragen. Besitzen wir dafür noch eine Antenne?

Pfarrer Dr. Christoph Rymatzki