
Grenzkontrollen im Himmel?
Wie das wohl wäre: Am Eingang zum Himmel stünde eine Grenzbeamtin: Passkontrolle, Herkunftsnachweis, Sprachtest, Kulturfragebogen. Wer die falsche Sprache spricht, die falschen Speisen mag oder aus dem falschen Land kommt, wird höflich gebeten, sich hinten anzustellen, oder sich woandershin zu orientieren. Als Jesus die kanaanäische Frau trifft, scheint es erstmal fast so, als gäbe es solche Grenzen. Die Frau gehört nicht zum Volk Israel, ist Ausländerin, Fremde, religiös anders geprägt. Eigentlich gehört sie nicht dazu. Aber sie lässt nicht locker. Sie glaubt und vertraut, dass Jesus ihr helfen kann. Am Ende staunt Jesus selbst: „Dein Glaube ist groß.“ Im 1. Johannesbrief heißt es: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Unser Glaube überwindet (vermeintliche) Grenzen. Nicht mit Gewalt. Nicht mit Parolen. Sondern indem er Menschen verbindet, die scheinbar getrennt sind. Gerade deshalb machen mich die jüngsten Wahlergebnisse so nachdenklich. Die AfD wurde bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft. Viele Menschen haben Sorgen, fühlen sich übersehen oder nicht ernst genommen. Diese Sorgen verdienen Aufmerksamkeit und Respekt. Aber die christliche Antwort besteht nicht darin, Menschen nach Herkunft, Kultur oder nationaler Zugehörigkeit zu sortieren. Die Bibel erzählt andere Geschichten. Von Abraham, der seine Heimat verlässt. Von Ruth, der Ausländerin, die zur Urgroßmutter Davids wird. Von Jesus, der mit Fremden spricht. Und von einer kanaanäischen Frau, deren Glaube größer ist als der vieler Einheimischer.
Wer Jesus nachfolgt, kann deshalb nicht zuerst fragen: Wo kommst du her? Sondern: Was brauchst du? Wer bist du? Was glaubst du? Gott verteilt seine Gnade nicht nach Pass, Abstammung oder Muttersprache. Bei Gott und im Himmel gibt es keine Obergrenze für Menschenwürde. Die kanaanäische Frau wusste das schon. Vielleicht war sie ihrer Zeit voraus. Die wichtigste Grenze verläuft nicht zwischen Nationen, sondern mitten durchs Herz: zwischen Angst und Vertrauen, Abschottung und Mitmenschlichkeit. Der Glaube überwindet diese Grenze. Und das wäre oder ist tatsächlich ein Sieg über die Welt.
Ihre Pfarrerin Anne Simon