Wort zum Sonntag - hier immer in vollem Wortlaut

Kirchen mehr als steinerne Hüllen

Der Brand der Kirche Notre-Dame de Paris, des "Herzens von ganz Frankreich", hat blitzartig aufscheinen lassen, welche Bedeutung ein solches geistliches Zentrum für eine Stadt, eine Nation, für eine moderne, säkulare Gesellschaft hat. Der Wie­deraufbau der Dresdner Frauenkirche hat das Land bewegt, in Jena gehört die Wiederher­stellung der kriegsversehrten Stadtkirche St. Michael zu den großen bürgerschaftlichen Leis­tungen nach der Friedlichen Revolution. Man stelle sich den Schmerz vor, wenn sie vor unseren Augen niederbrennen würde.

Man kann Kirchen als schöne steinerne Hüllen sehen. Aber die Trauer der Pariser Bevölkerung und der halben Welt um Notre-Dame spiegelt auch das Gespür für die Geheimnisse, die sie birgt, für das nicht Verfügbare, für das Haus, das die Träume verwaltet (Fulbert Steffensky), fremde Heimat auch für Menschen, die selten oder nie eine Kirche betreten. Kirchen sind zu Stein und Kunst und Liturgie gewordene Geschichte, in der aus alten Worten neue werden, die uns ins Heute sprechen.

Die Osterbotschaft wird dieses Jahr in Frankreich besonders aufmerksam gehört. Gottes neu­es Leben, das dem Tod ein Ende macht. Sein größtes Geheimnis. Die Liebe des aufer­standenen Christus. Sein kommendes Reich und die Auferstehung der Toten. Notre-Dame wurde über Jahrhunderte erbaut, Reiche und Arme haben dazu beigetragen. Kirchen sind ein sicht­bares Zeichen für Zusammenhalt, für ein friedli­ches Zusammenleben durch die Zeiten, für die Sehnsucht nach Gottes bleibendem Segen über einer zerbrech­lichen Welt. Wir kommen an unsere Grenzen, Ostern ist ein ständiger Aufbruch - ohne Ende. "Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.“ (D. Bonhoeffer) Für diese Hoffnung lohnt es sich, Notre-Dame wieder aufzubauen. Diese erwartungsvolle, bleibende Freude wünsche ich auch uns zu Ostern 2019!

Ihr Sebastian Neuß, Superintendent