Wort zum Sonntag - hier immer in vollem Wortlaut

Wertekorrektur

In dieser Zeit kehren sich Werte um. Oder besser gesagt, es werden die wahren Werte deutlich. Keine Frage, dass jetzt auch gut bezahlte Menschen in verantwortlichen Positionen mit klugem Handeln gefragt sind. Aber es tritt deutlich hervor, dass dies alles nichts nützt, wenn uns nicht jemand im Supermarkt die Regale füllt. Das ist eine Tätigkeit, die bei uns schlecht bezahlt wird. Am Lohn bemessen, besitzt diese Tätigkeit also einen geringen Wert. Jetzt wo ein Regal auch mal leer sein kann, erscheint uns der wahre Wert dieser Tätigkeit. So ist das auch in vielen anderen Bereichen, bei der Pflege zum Beispiel oder den Fernfahrern. Wie konnten uns die Werte solcher Tätigkeiten derart aus dem Blick geraten? Wir haben sie mit einem Preis versehen. Aber über den wahren Wert sagt der Preis nichts. Das geht uns mit vielen Dingen so. Wir kennen ihren Preis, aber nicht ihren Wert.

Das deckt für mich auch eine biblische Geschichte auf, die traditionell zu diesem Sonntag, dem Palmsonntag gehört. Die Geschichte erzählt davon, dass Jesus gesalbt wird. Das klingt nach einem besonderen Vorgang. Tatsächlich gießt eine Frau Jesus ungefragt eine kleine Menge kostbaren Öls auf den Kopf. Alle die es miterleben, sind schockiert. Sofort hat jemand den Preis des Öls im Kopf überschlagen. Es sind 300 Denare. Das ist mehr als damals ein einfacher Arbeiter in einem Jahr verdienen kann. Nach heutigen Maßstäben wohl etwa 20000 Euro. Was hätte man mit diesem Geld nicht alles Gutes tun können.

Jesus sieht das anders. Er erlebt es als eine Wohltat für sich, als eine Tat aus reiner Güte und Liebe. Die Liebe, die darin deutlich wird, ist der wahre Wert, nicht der Preis des Öls.

Die biblische Geschichte und unsere gegenwärtige Situation sind für mich eine Einladung, nach dem wirklichen Wert der Dinge zu fragen. Kann ich das Wichtige auch tatsächlich wieder als wichtig schätzen? Verwechsle ich den Preis mit dem Wert einer Sache? Dieses Fragen wird auch zur Chance, den Preis dem wahren Wert anzugleichen - z.B. durch bessere Bezahlung. Oft aber geht es einfach nur um die Wertschätzung, die ich anderen oder Dingen in Wort und Tat entgegen bringe. Die Krise ist eine Einladung zur Korrektur, denn sie schenkt Einsichten, die sonst verstellt sind.

Eric Söllner

Eric Söllner ist Pastor der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Jena - John-Wesley-Haus; Humboldtstr. 29, 07743 Jena

Tel.: 03641/820881