Wort zum Sonntag

Einer trage des anderen Last

Jeder hat seine Last. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Jede kann davon erzählen, von der Last der Arbeit, von der Last, keine zu haben, von den Sorgen, die mitunter schwer auf der Seele liegen. Es sind lauter unterschiedliche Lasten, aber alle drücken. Krumm und lahm können sie einen machen. "Einer trage des anderen Last", steht in der Bibel. Ein starkes Leitwort für ein menschliches Miteinander. Denn niemand lebt für sich allein. Niemand ist vollkommen, jeder kennt Stunden, in denen er schwach ist. Jeder Mensch braucht einen anderen. Jede braucht mal eine, die zuhört. Der andere ist wie du auf Mitgefühl, Empathie und Zuwendung angewiesen. Ein starker Satz, der Solidarität und Mitmenschlichkeit groß macht.

"Einer trage des anderen Last", steht nicht nur bei Paulus in der Bibel, diese Einladung wird dort sogar als "das Gesetz Christi" bezeichnet. Das ist also so etwas wie die Mitte des Ganzen. So wie der Hinweis von Jesus "Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst". Der hat das mit seinem ganzen Wesen gelebt. Christen glauben, dass Jesus mit seinem Kreuzestod die ganze Last der Welt, ihr Leid und ihre Schuld, "auf sich genommen" hat, konkret: Er nimmt auch mich auf mit meiner Last und meinen Nächsten mit seiner Last. "Des andern Last tragen", heißt dann im Sinne von Jesus sie aufzunehmen, zu tragen und hinzutragen zu ihm, der alle in Händen hat. So kann die Fähigkeit wachsen, Lasten und Leiden gemeinsam zu tragen. Die Betreuung des gebrechlichen Vaters, die Patenschaft für eine syrische Flüchtlingsfamilie, die ehrenamtliche Mitarbeit in der Telefonseelsorge. Ich kenne viele, die sich bewundernswert der Beschwernisse anderer annehmen. Dabei geht es nicht darum, die Grenzen der eigenen Hilfsbereitschaft auszureizen und sich bis über seine Kräfte zu verausgaben, sondern um eine Haltung. Seiner Mitwelt aufmerksam und liebevoll zu begegnen, zuhörend, stützend, mit anfassend, Worte suchend, dazu kann jeder etwas beitragen. Finden wir doch in diesen Wochen der Sommer- und Urlaubszeit Momente, in denen wir uns bewusst machen, wie viel Liebe, Ermutigung und tätige Hilfe jedem von uns zu Gute kommen, und wie vielfältig die Möglichkeiten sind, dem anderen entgegen zu kommen. Ich wünsche uns dafür ein offenes und dankbares Herz.

Sebastian Neuß, Superintendent