Wort zum Sonntag

Die Mitte der Weihnacht

Zur Weihnacht ist in dem Kind von Bethlehem "erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen", heißt es in der Bibel. Gott sagt zu uns Ja mit diesem Kind in der Krippe, vorbehaltlos und uneingeschränkt. Geliebt werden ohne etwas dafür erbringen zu müssen, Vergebung erfahren, eine Beurteilung empfangen, die mir meine Fehler nicht nachträgt, Angenommensein, Zuhausesein, ohne das erarbeiten zu müssen, wir alle leben aus Momenten der Gnade.
Weihnachten buchstabiert durch, was Gnade ist. Als der Engel Gabriel der Maria die Geburt des Kindes ankündigte, sagt er ihr: „Du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Nicht der Kaiser Augustus in Rom, nicht der Provinzfürst sind die Ersten. Die göttliche Gnade wird in dieser Geschichte vielmehr zuerst denen zuteil, von denen wir nicht einmal die Namen wissen. Menschen wie den Hirten auf den nächtlich dunklen Weidegründen Bethlehems. Was wäre in den Hirten vorgegangen, wenn man ihnen den Lauf nach Bethlehem per Befehl angeordnet hätte: Auf, los, der neue König kommt. Lauft, werft euch vor ihm in den Staub und gebt ihm so die Ehre! Sie hätten sich hingeschleppt, wie wir uns schleppen, wenn man uns Beine machen will, wenn wir mithalten, ins Bild passen sollen, wenn die Norm stimmen muss, wenn wir zu funktionieren haben. Doch "euch" - und uns! - "ist heute der Heiland geboren!", rufen die Engel den Hirten zu, die heilsame Gnade in einer vielerorts gnadenlosen und friedlosen Welt. Diesen Armen brauchte jedenfalls keiner Beine zu machen, "sie kamen eilend", ganz ohne Befehl.
Wie können wir so leben, dass die Gnade uns so innig berührt wie Maria, wie die Hirten und alle, die sie danach erlebten? Wie werden wir fähig, andere anzunehmen und ihnen barmherzig zu begegnen? Wer zu den seltsamen Menschen gehört, die an das liebevolle, vorbehaltlose, eindeutige und uneingeschränkte Ja Gottes glauben, der fängt seinerseits an, seine nahen und fernen Mitmenschen zu bejahen. Meistens wohl mit einigen - manchmal kleineren, manchmal größeren - Vorbehalten. Das ist menschlich. Aber Menschlichkeit lässt sich steigern. Seit jener dunklen heiligen Nacht der Christusgeburt hat dieses hingebungsvolle Ja Gottes Menschen eingeleuchtet. Und je mehr ihnen dieses Ja wirklich zu Herzen ging, desto menschlicher traten sie auf. So beginnen bis heute Wege, auf dem die heilsame Gnade des Christus unser nur zu oft verworrenes und verwirrendes Leben begleitet und aufklärt. Sich der Gnade Gottes zu öffnen und sich an ihr zu freuen, das könnte ein Weg sein, der uns zur Mitte der Weihnacht führt. Ich wünsche uns eine gnadenreiche Weihnacht und Gottes Segen auf unseren Schritten im Neuen Jahr.

Superintendent Sebastian Neuß